Wir entwickeln ein Rollenspiel

Der Homo Soziologicus – Positionen, Rolle und Sanktionen

Entwickelt wurde die klassische Rollentheorie von Soziologen in den USA (Ralph Linton, Talcott Parsons u.a.) und durch Ralf Dahrendorf für den deutschen Raum eingeführt, vor allem durch seine Schrift „Homo sociologicus“ (Erstauflage 1958). Hier erklärt Dahrendorf am Beispiel des Lehrers den Begriff der sozialen Rolle (M1).

M1 Der Lehrer Schmidt
Nehmen wir an, wir seien auf einer Gesellschaft, auf der uns ein bisher unbekannter Herr Dr. Hans Schmidt vorgestellt wird. Wir sind neugierig, mehr über diesen neuen Bekannten zu erfahren. Wer ist Hans Schmidt? Einige Antworten auf diese Fragen können wir unmittelbar sehen: Hans Schmidt ist (1) ein Mann, und zwar (2) ein erwachsener Mann von etwa 35 Jahren. Er trägt einen Ehering, ist daher (3) verheiratet. Anderes wissen wir aus der Situation der Vorstellung: Hans Schmidt ist (4) Staatsbürger; er ist (5) Deutscher, (6) Bewohner der Mittelstadt X, und er trägt den Doktortitel, ist also (7) Akademiker. Alles weitere aber müssen wir von gemeinsamen Bekannten erfahren, die uns erzählen mögen, dass Herr Schmidt (8) von Beruf Studienrat ist, (9) zwei Kinder hat, also Vater ist, (10) als Protestant in der vorwiegend katholischen Bevölkerung von X einige Schwierigkeiten hat, (11) als Flüchtling nach dem Kriege in die Stadt gekommen ist, wo er sich indes (12) als 3. Vorsitzender der lokalen Organisation der Y-Partei und (13) als Schatzmeister des Fussballklubs der Stadt bald einen guten Namen zu verschaffen wusste. Herr Schmidt, so erfahren wir von seinen Bekannten, ist (14) ein leidenschaftlicher und guter Skatspieler sowie (15) ein ebenso leidenschaftlicher, wenn schon weniger guter Autofahrer. Seine Freunde, Kollegen und Bekannten haben uns noch manches andere über Herrn Schmidt zu erzählen, doch ist unsere Neugier mit diesen Auskünften vorerst befriedigt. Wir haben das Gefühl, dass Herr Schmidt uns nunmehr kein Unbekannter mehr ist. Was berechtigt uns zu diesem Gefühl?
Man könnte meinen, dass alles, was wir über Herrn Schmidt in Erfahrung gebracht haben, ihn nicht eigentlich von anderen Menschen unterscheidet. Nicht nur Herr Schmidt ist Deutscher, Vater, Protestant und Studienrat, sondern viele andere mit ihm; und obwohl es zu jedem Zeitpunkt nur einen Schatzmeister des 1. FC X-Stadt geben mag, gab es doch andere vor ihm. Auch dieses Amt ist nicht ein persönliches Merkmal von Herrn Schmidt. Unsere Informationen über Herrn Schmidt beziehen sich sämtlich auf gewisse Stellungen, die er innehat, d.h. auf Punkte oder Orte in einem Koordinatensystem sozialer Beziehungen. Denn jede Position impliziert für den Kundigen ein Netz anderer Positionen, die mit dieser verknüpft sind, ein Positionsfeld. Als Vater steht Herr Schmidt in einem Positionsfeld mit Mutter, Sohn und Tochter; als Studienrat ist er auf seine Schüler, deren Eltern, seine Kollegen um die Beamten der Schulverwaltung bezogen sein Posten als 3. Vorsitzender der Y-Partei verbindet ihn mit Vorstandskollegen, höheren Parteifunktionären, Parteimitgliedern und der wählenden Öffentlichkeit. Manche dieser Positionsfelder überschneiden sich, doch keine zwei decken einander völlig. Für jeden der 15 Positionen des Herrn Schmidt, die wir kennen lässt sich ein eigenes Positionsfeld angeben das in einem bestimmten Gesellschaftszusammenhang mit diesen Positionen gewissermaßen automatisch gegeben ist. (…) Positionen selbst können komplex sein. Es wird sich als wichtig erweisen, diesen Sachverhalt durch einen eigenen Begriff zu betonen und soziale Positionen als Mengen von Positionssegmenten zu verstehen. Die Position „Studienrat“ besteht aus den Positionssegmenten „Studienrat-Schüler“, „Studienrat-Eltern“, „Studienrat-Kollegen“, „Studienrat-Vorgesetzte“, wobei jedes dieser Segmente aus dem Positionsfeld des Studienrates eine Beziehungsrichtung aussondert. (…) Zu jeder Stellung, die ein Mensch einnimmt, gehören gewisse Verhaltensweisen, die man von dem Träger dieser Position erwartet; zu jeder sozialen Stellung gehört eine soziale Rolle. Indem der Einzelne soziale Positionen einnimmt, wird er zur Person des Dramas, das die Gesellschaft, in der er lebt, geschrieben hat. Mit jeder Position gibt die Gesellschaft ihm eine Rolle in die Hand, die er zu spielen hat. Soziale Rollen bezeichnen Ansprüche der Gesellschaft an die Träger von Positionen (Rollenverhalten), zum anderen Ansprüche an sein Aussehen und seinen „Charakter“ (Rollenattribute). Weil Herr Schmidt Studienrat ist sind von ihm gewisse Attribute und ein gewisses Verhalten verlangt; das gleiche gilt für jede seiner 15 Positionen. Obwohl die soziale Rolle, die zu einer Position gehört, uns nicht verraten kann, wie ein Träger dieser Position sich tatsächlich verhält, wissen wir doch, wenn wir mit der Gesellschaft, die diese Rolle definiert, vertraut sind, was von ihrem Spieler erwartet wird. Soziale Rollen sind Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen.
Wie Positionen sind auch Rollen prinzipiell unabhängig vom Einzelnen denkbar. Die vom Vater, Studienrat, Parteifunktionär und Skatspieler erwarteten Verhaltensweisen und Attribute lassen sich formulieren, ohne dass wir an irgendeinen bestimmten Vater, Studienrat, Parteifunktionär oder Skatspieler denken. Mit den Positionen entfallen auf jeden Einzelnen viele soziale Rollen, deren jede der Möglichkeit nach eine Mehrzahl von Rollensegmenten umschließt. Die Erwartungen, die sich an den Spieler der sozialen Rolle „Studienrat“ knüpfen, lassen sich aufgliedern in Erwartungen im Hinblick auf die Beziehung „Studienrat-Schüler“, „Studienrat-Eltern“ usw. Insofern ist jede einzelne Rolle ein Komplex oder eine Gruppe von Verhaltenserwartungen. (…) Die in Rollen gebündelten Verhaltenserwartungen begegnen dem Einzelnen mit einer gewissen Verbindlichkeit des Anspruchs, so dass er sich ihnen nicht ohne Schaden entziehen kann. (…) Wer seine Rolle nicht spielt, wird bestraft; wer sie spielt, wird belohnt, zumindest aber nicht bestraft.
R. Dahrendorf: Homo sociologicus. Opladen, 1974, S. 2gf., S. 32,33, 35f.

Aufgabe:
Orientieren Sie sich an dem vorliegenden Text und entwickeln sie daraufhin ein Rollenspiel, indem folgenden Aspekte berücksichtigt werden:

  • Rollenhandeln
  • Rollenerwartung
  • Rollenkonflikt

Dieses Rollenspiel können Sie…
a) performativ (darstellerisch)
b) als Video (Windows Moviemaker)
c) …
darstellen.

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