Wie lässt sich unser Rollenhandeln erklären? Rollentheorien geben eine Antwort

„Die ganze Welt ist eine Bühne“

Menschen handeln in gesellschaftlich vorgeprägten Rollen. Die Rollentheorie versucht diese Rollenerwartungen und -festlegungen zu erklären. Sie möchte damit offenlegen, wie gesellschaftlich vorgegebene Rollen erlernt, verinnerlicht, ausgefüllt und verändert werden. Sie möchte aber auch zeigen, welche Spiel- und Handlungsfreiräume dem Individuum in einer Rolle offenstehen. Bei ihren Erklärungsversuchen kommen die Soziologen zu unterschiedlichen Schlüssen, die sich in unterschiedlichen Rollentheorien ausdrücken.

M1: Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus
Soziale Rollen sind Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesellschaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen. ( … ) Drei Merkmale vor allem bezeichnen die Kategorie der sozialen Rolle als Element soziologischer Analyse:

1. Soziale Rollen sind gleich Positionen quasiobjektiver, vom Einzelnen prinzipiell unabhängiger Komplexe von Verhaltensvorschriften.
2. Ihr besonderer Inhalt wird nicht von irgendeinem Einzelnen, sondern von der Gesellschaft bestimmt und verändert.
3. Die in Rollen gebündelten Verhaltenserwartungen begegnen dem Einzelnen mit einer gewissen Verbindlichkeit des Anspruches, sodass er sich ihnen nicht ohne Schaden entziehen kann. ( … ) Dieser Charakter von Rollenerwartungen beruht darauf, dass die Gesellschaft Sanktionen zur Verfügung hat, mit deren Hilfe sie die Vorschriften zu erzwingen vermag. Wer seine Rolle nicht spielt, wird bestraft; wer sie spielt, wird belohnt, zumindest aber nicht bestraft. Konformismus mit den vorgeprägten Rollen ist keineswegs nur die Forderung bestimmter moderner Gesellschaften, sondern ein universelles Merkmal aller gesellschaftlicher Formen.

Quelle: Ralf Dahrendorf: Homo Sociologicus, Opladen 1977, S. 29ff.

M2: G.H. Mead: Der symbolisch-interaktionistische Ansatz
Sozialisation im Sinne der traditionellen Rollentheorie (Rollentheorie Dahrendorfs) bedeutet Rollenerwerb. Denkt man diesen Ansatz konsequent zu Ende, dürfte es streng genommen überhaupt keine Individuen mehr geben: Jeder Handelnde in der gleichen Rolle müsste jedem anderen Handelnden in dieser Rolle gleich sein. Nun wissen aber auch die traditionellen Rollentheoretiker, dass dies nicht der Fall ist. Aber von ihrem Erkenntnisinteresse aus (die Stabilitätsmöglichkeiten sozialer Systeme zu ermitteln) ist die Theorie konsequent. Man kann sagen, dass sie die sozialisierende Seite des Sozialisationsprozesses exakt herausgearbeitet haben. Demgegenüber beruht das Erkenntnisinteresse des symbolischen Interaktionismus auf der Frage nach den Möglichkeiten der Individuierung im Sozialisationsprozess.
Der symbolische Interaktionismus geht aus vom Regelfall der täglichen Interaktion in Rollen und stellt dabei fest, dass dieser Regelfall dadurch gekennzeichnet ist, dass die Rollenspieler gerade nicht auf gleichförmige, sondern auf unklare und inkonsistente Erwartungen stoßen und dass sich diese Erwartungen auch meist nicht mit ihren Bedürfnisdispositionen decken. Es kommt dabei auch in der alltäglichen Interaktion keineswegs darauf an, voll mit dem Rollenpartner übereinzustimmen, sondern es genügt meist ein vorläufiger Konsens. Die Alltagssituation bedarf also einer gewissen Flexibilität und Interpretationsfähigkeit der Rollenspieler. Das Individuum kann daher die Sichtweisen und Erwartungen des anderen "einschätzen". Das gilt natürlich für beide Seiten. Man interpretiert also in der Interaktion wechselseitig die Rollen des anderen und handelt entsprechend: Diesen Prozess nennt Mead role-taking. Bei Mead erfolgt das Rollenhandeln interpretativ, ist also potentiell immer von Brüchen bedroht, eröffnet aber gleichzeitig einen Handlungsspielraum und setzt - als Idealmodell - die Gleichberechtigung aller Beteiligten voraus.
Die eigene Handlung wird also in ihrer Bedeutung für den anderen eingeschätzt, dessen Reaktion - sozusagen "blitzartig" - vorweggenommen und einkalkuliert. Entsprechend gestaltet das Individuum seine Rolle, es „macht“ macht die Rolle, jeweils passend für das Gegenüber. Mead nennt diesen Prozess role-making. Das Gegenüber muss sich auf dieses role-making des Individuums entsprechend einstellen und seinerseits reagieren. Entweder es kommt zur einverständigen Aushandlung der wechselseitigen Rollen oder zum Abbruch der Kommunikation.
Die Chancen für diese Freizügigkeit sind in den unterschiedlichen alltäglichen Situationen und Institutionen sehr verschieden: Ein Pärchen, das sich auf einer Party kennen lernt, hat ein größeres Interpretationsfeld der Rollen als ein Strafgefangener in einem Gefängnis, ein Lehrling im Betrieb oder ein Angeklagter vor Gericht.
Damit wird klar, dass in role-taking und role-making ein Konzept von Sozialisation liegt, das vom Menschen als prinzipiell kreativ und produktiv seine Umwelt gestaltenden und verarbeitenden ausgeht. "Der Mensch wird als schöpferischer Interpret und Konstrukteur seiner sozialen Lebenswelt verstanden".

Quelle: Vgl. Helbig, Ludwig (1979): Sozialisation. Eine Einführung. Studienbücher Politik. Verlag Diesterweg. Frankfurt am Main. S.46.

Aufgaben:
Stellen Sie die beiden Rollentheorien dar. Wählen Sie bei ihrer Darstellung einmal eine kreative Form (z.B. Skizze, Schaubild, Radiobeitrag…) und einmal die Form, wie sie in einer Klausur erwartet wird (Hinweis: Nutze das Methodenblatt: Darstellungsaufgabe).

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