Ein Leben zwischen den Kulturen

Ein Leben zwischen den Kulturen und Gesellschaften

Die modernen Wanderungsbewegungen in aller Welt haben dazu geführt, dass immer mehr junge Menschen mit einer komplizierten Enkulturation konfrontiert werden. Sie müssen sich mit den Normen und Werten unterschiedlicher, häufig widersprüchlicher Kulturen, auseinandersetzen.

Deutsche und Türkin zugleich: Wie eine junge Frau mit den verschiedenen Traditionen klarkommt. Die 23-jährige Tülay glaubt nicht an den Islam. Doch heiraten würde sie nur einen Türken. Tülay führt ein Doppelleben. Sie ist Muslimin, Türkin und Deutsche. „Diese drei Kulturen sind nicht vereinbar, ich bin immer nur eins davon, alles zusammen geht nicht, leider“, sagt die 23-Jährige. Im Moment ist Tülay (Name geändert) Deutsche. Sie trägt enge Jeans und eine Bluse von H & M. Gleich, wenn sie zurück fährt nach Ehrenfeld - wo sie mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester und den Eltern wohnt -, macht Tülay mindestens zwei Knöpfe der Bluse zu. Dann ist sie wieder Türkin.
„Türkin zu sein ist okay“, sagt sie, „ich mag die Traditionen und werde sie auch wahren.“ Neben einem gewissen Maß an Respekt gegenüber Älteren und anderen, wie sie sagt, „eigentlich ganz selbstverständlichen moralischen Grundregeln“ bedeutet das auch eine frühe Ehe. Tülay hat sich damit abgefunden, dass sie nicht ewig so leben kann wie im Moment. Bald muss sie heiraten - und zwar einen Türken. „Was anderes kommt nicht in Frage“, stellt sie fest. Neulich hatte sie für ein paar Monate einen deutschen Freund, aber das darf keiner wissen. „Das ist 'ne Todsünde“, scherzt sie. Um dann sehr ernst hinzuzufügen, dass es „einfach nicht geht, wirklich nicht geht“.
Zwei passende Kandidaten aus der Türkei wurden ihr schon angeboten. Beide wollte sie nicht. Das Problem mit den Männern aus der Türkei: Die seien sehr viel strenger und hätten von der Gleichheit der Geschlechter oft noch nichts gehört, auch nichts hören wollen. Jedenfalls die Männer vom Land. […] Tülay weiß genau, was sie will, und sie sagt es auch laut. Wenn sie nicht gerade zu Hause ist. „Ich brauche einen Mann, der selbstständige Frauen akzeptiert, ich werde nämlich nichts aufgeben“, sagt sie. Vergangenes Jahr hat sie ihre Ausbildung zur Erzieherin beendet. Neben ihrer halben Stelle in einer Kindertagesstätte holte sie ihr Abitur an der Abendschule nach, um Sozialpädagogik studieren zu können. „Mein Vater hält das zwar für völlig übertrieben, weil ich ja eh mal eine Ehefrau sein werde, aber er lässt mich machen.“ Von ihrer Mutter wird sie bestärkt in ihren Berufszielen.
[…] Auch als Tülay vor vier Jahren beschloss, den dritten Einfluss in ihrem Leben, den Islam, zu boykottieren, konnte sie mit ihrer Mutter darüber reden. „Ich habe ihr erklärt, dass ich dieses verlogene Getue nicht mehr will und auch dass ich nie mehr ein Kopftuch tragen werde“, erzählt sie. Dabei hat sie sich mal verhüllt. Damals war sie sieben und fand das Tuch bei ihrer Mutter so schön, also hat sie es auch ausprobiert. So lange, bis ihr mal jemand sagte, es stehe ihr nicht. Seitdem trägt Tülay kein Kopftuch mehr. Ihre Eltern waren damals enttäuscht. Ihr Vater hat sie manchmal ermahnt, sie solle das Tuch wieder anziehen. „Aber daraufhin hab ich entgegnet, er solle lieber erstmal aufhören, Alkohol zu trinken. Dann hat er nichts mehr gesagt“, meint Tülay. […]

Vgl. LARA FRITZSCHE: Ein Leben zwischen den Kulturen, in: Kölner Stadtanzeiger vom, 19.10.03.

Aufgabe:
Nennen Sie die im Text angeführten Sozialisationsinstanzen, die zur Entwicklung der Persönlichkeit (Identität) Tülays beitragen.

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