Der Stachel des Befehls: Geständnis und Demütigung - Die Folterungen im Irak sind Teil des militärischen Milieus

Der Stachel des Befehls: Geständnis und Demütigung - Die Folterungen im Irak sind Teil des militärischen Milieus
von Rudolf Walther, in: Freitag – Die Ost-West Wochenzeitung, 21.05.2004

Die schrecklichen Bilder von erniedrigten und gefolterten Gefangenen der amerikanischen Armee verlangen Erklärungen. Die anspruchsloseste Variante stand in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, deren Politikredakteur Thomas Schmid über "die Opfer von Lynndie R. England" nachdachte und vorschlug, der Präsident sollte die Opfer "um Vergebung" bitten. Ist die 21-jährige Soldatin aus der 372. Militärpolizei-Einheit überhaupt die Täterin? Das Bild, auf dem die Soldatin einen nackten Gefangen wie einen Hund an der Leine führt, scheint das zu belegen. Doch bleibt diese grobschlächtige Deutung an der Oberfläche und verzerrt die Verantwortungsverhältnisse grotesk.
Natürlich hat sich das Personal, das sich bei Demütigung und Folterung beteiligte, eines schweren Unrechts schuldig gemacht und ist dafür zur Verantwortung zu ziehen. Das verlangen die Haager Landkriegsordnung (1907), die Genfer Konventionen (1929 und 1949) sowie die Zusatzprotokolle. Aber ein militärgerichtliches Disziplinarverfahren allein gegen die fotografierten Täter griffe zu kurz.
Erniedrigung und Folter, deren Ausmaß erst in Umrissen absehbar geworden ist, kann nicht im zivilen, strafrechtskonformen Bezugsdreieck von Tat-Täter-Opfer analysiert werden. Entscheidender als der Wille und die Motive der fotografierten Täter ist in diesem Fall der Kontext der Taten. Diesen Kontext bilden das militärische Milieu im Allgemeinen und die Position des Siegers im Krieg im Besonderen. Das militärische Milieu wird charakterisiert durch seine hierarchische Befehlsstruktur und durch die Mittel, mit denen diese bei Soldaten wie Offizieren mental und körperlich verankert wird. Idealerweise geschieht in Armeen nur, was von oben befohlen oder stillschweigend toleriert wird. Es ist absolut unrealistisch für das Milieu, in dem die Gefreite England handelte, zu unterstellen, die Täterin hätte sich im Alleingang und in "Folterlaune" dazu entschlossen, Iraker zu demütigen.
Die Voraussetzung dafür, dass hierarchische Befehlsstrukturen den Soldaten zur zweiten Natur werden, wird in der Ausbildung geschaffen. Es ist bekannt, welchem brutalen Drill amerikanische Elite- und Militärpolizeieinheiten bei der Ausbildung unterworfen sind. Hier wird den Soldaten das eingepflanzt, was Elias Canetti "den Stachel des Befehls" nannte: Dieser "senkt sich tief in den Menschen … und bleibt dort unverändert liegen", genauso wie die Erinnerung an die Qualen und Erniedrigungen, die der Soldat beim Drill aushalten musste.
Im Krieg wird jeder Soldat auf der Seite der Sieger gegenüber Gefangenen und Zivilisten zum Befehlenden. Nur der "Stachel des Befehls" in jedem verhindert, dass die hierarchische Befehlsstruktur zersetzt wird. Von oben bis unten sind Offiziere und Soldaten mit diesem Stachel "geimpft". Aber den Moment des Sieges erleben kommandierende wie ausführende Militärs auch als Chance, die gefangenen Besiegten ihre Willkür und ihre Revanche für tote Kameraden spüren zu lassen oder mit Gefangenen perverse Spiele zu treiben oder diese zu foltern. Gewalt entlädt sich in solchen Situationen regelmäßig mit einer Dynamik, der gegenüber soldatische Ehrenkodexe, Dienstvorschriften und völkerrechtliche Konventionen ohnmächtig sind. Von rechtlichen Bindungen befreit, verpassen die Sieger den Besiegten kollektiv jenen "Stachel des Befehls", den sie selbst in sich tragen.

Aufgabe:

Analysieren Sie den Text und arbeiten Sie die Position des Autors zum Thema Folterungen im Irak heraus.

Sofern nicht anders angegeben, steht der Inhalt dieser Seite unter Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License