Antisemitismus
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//Postkarte um 1900.
Text auf dem Wegweiser: „nach Palästina“

Quelle: Bühler, Christoph: Das Internet-Geschichtsbuch. http://www.buehler-hd.de/gnet/neuzeit/antisem/hd/67.htm
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Fundamentum

Arbeitsaufträge
1. Beschreiben und deuten Sie die Postkarte. Ergebnisse Anti 1
2. Erläutere die Möglichkeit, die diese Karte zur Lösung der Probleme suggeriert Ergebnisse Anti 2

Antisemitismus als rassistischer Vorbehalt. Das gesellschaftliche Ressentiment
Die Konstruktion der «Judenfrage»
Zwang- und wahnhafte Vorstellungen über Juden gab es im¬mer. Aus dem religiösen Bereich wurden sie ins soziale Leben übertragen und bekamen ein Eigenleben. Im 19. Jahrhundert wurden Gerüchte und Verdächtigungen planmäßig als «Be-weise» konstruiert und in Umlauf gesetzt. Die Geburt des «modernen Antisemitismus» vollzog sich vor allem in Deutschland. Der Höhepunkt judenfeindlicher Ideologiepro¬duktion, die zugleich als heftiger Widerstand gegen die Mo¬dernisierung von Staat und Gesellschaft zu verstehen ist und «die Juden» als Inkarnation alles Bedrohlichen und zur Erklä¬rung aller Weltübel instrumentalisierte, lag im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Wirkung erfolgte später. Mit den akademisch oder pöbelhaft, demagogisch oder wissenschaft¬lich auftretenden Schmähschriften der Inkubationszeit der neuen, rassistisch argumentierenden Judenfeindschaft war der Grund gelegt für die Agitation der Antisemiten nach dem Ers¬ten Weltkrieg, die nach dem Aufstieg der NSDAP im Völker¬mord endete.
Die «Judenfrage» war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein feststehender Begriff, der (ursprünglich nur als sozialer Ter-minus gebraucht) zur Chiffre wurde, die einerseits politisches, kulturelles, ökonomisches Unbehagen zusammenfasste und andererseits Existenz- und Überfremdungsängste artikulierte. Durch die neue Lehre vom Rassenantisemitismus wurde der "Judenfrage“ eine Richtung gewiesen. Erst einmal zum Ge¬genstand öffentlicher Erörterung gemacht, drängte die „Judenfrage“ nach einer «Lösung». Das scheinbare Problem basierte auf der Überzeugung von der konstitutionellen Andersartigkeit der Juden als Rasse.
Das unterschied die Feindschaft gegen Juden ab Mitte des 19. Jahrhunderts von den älteren Ressentiments gegen die Minderheit, dem religiös motivierten AntiJudaismus, dessen Ziel die Bekehrung, die Taufe, die "Sittliche Verbesserung» der Juden gewesen war. Alle älteren Judenverfolgungen im christ¬lichen Europa waren religiös begründet und endeten oft mit der Bereitschaft der Juden, Christen zu werden. Natürlich wa¬ren seit dem Mittelalter bei der Abneigung gegen die Juden auch immer andere Gründe mit im Spiel, wenn Juden das Ziel von Pogromen, Vertreibungen, Plünderung, Beraubung waren, und zwar Sozialneid und wirtschaftliche Faktoren, die in tradi¬tionellen Stereotypen Ausdruck fanden wie dem aus der Geld¬leihe gegen Zinsen resultierenden Vorwurf des Wuchers.
Die Emanzipation der Juden, also ihre Befreiung aus den sozialen und rechtlichen Schranken, war in Deutschland und Österreich kein revolutionärer Akt wie 1791 in Frankreich, sondern Ergebnis einer langwierigen Debatte, die sich vom Be¬ginn des 19. Jahrhunderts bis Ende der i86oer-Jahre hinzog. Als Bewegung gegen die rechtliche Gleichstellung der Juden und gefördert von gesellschaftlichen Krisen, kam es 1819 zu pogromartigen Ausschreitungen.' Die «Hep-Hep-Verfolgun¬gen» begannen in Würzburg und strahlten über ganz Deutsch¬land bis nach Dänemark aus. Sie zeigten zugleich, dass Juden-feindschaft eine Form von sozialem Protest war, bei dem Aggressionen verschoben und gegen Juden gerichtet wurden.
Ein neues Moment unterschied jetzt die alte, religiös moti¬vierte Judenfeindschaft vom rassisch begründeten Judenhass:
Der religiöse Vorbehalt war mit der Taufe beendet gewesen, der «rassisch» begründete Makel war jedoch nicht kurierbar. «Lösung» der «Judenfrage» im neuen Sinne bedeutete deshalb nur noch Vertreibung oder Vernichtung. Der Nationalsozialis-mus hat folgerichtig Jahrzehnte später daraus die «Endlösung» gemacht.
Im 19. Jahrhundert war zu den traditionellen Motiven der Judenfeindschaft ein weiterer Anlass gekommen: Die Forde¬rung nach Emanzipation. Als bürgerliche Gleichberechtigung, unter dem Druck der Französischen Revolution propagiert, war sie 1870/71 in Deutschland erreicht. Die Forderung nach Rücknahme der Gleichstellung der Juden folgte, von vielen In-teressenten vorgetragen, freilich unmittelbar der spät errunge¬nen Emanzipation der Minderheit.

Die Ideologie des Rassenantisemitismus
Judenfeindschaft erhielt im 19. Jahrhundert also eine neue Dimension in Gestalt des rassistisch und sozialdarwinistisch argumentierenden «modernen Antisemitismus», der sich als Resultat angeblicher wissenschaftlicher Erkenntnis produzier¬te. Zu den Vätern gehörten Joseph Arthur Graf Gobineau mit seinem voluminösen Essay «Die Ungleichheit der Menschen-rassen» (erschienen 1853 und 1855 in vier Banden), der zwar nicht ausdrücklich gegen die Juden gerichtet war, aber instrumentalisiert wurde als Eckpfeiler einer Rassentheorie, die den modernen Antisemitismus scheinbar wissenschaftlich unterfüt¬terte. […]
Die Übereinstimmung der antisemitischen Theoretiker be¬stand darin, dass jede «Rasseneigenschaft» der Juden negativ definiert war. Den Unterschied zur älteren Judenfeindschaft bildete die Überzeugung, dass Rasseneigenschaften anders als religiöse Bekenntnisse unveränderbar waren. Die Taufe konnte nach Überzeugung der Antisemiten den Makel des Judeseins nicht mehr aufheben. In der Diskussion über die «Judenfrage» spielte die Metaphorik, die die Juden als Schmarotzer und Pa-rasiten im «Gastland» gegenüber dem «Wirtsvolk» definierte, zunehmend eine Rolle, ungeachtet der Tatsache, dass die anti-emanzipatorische Judenfeindschaft auch und vor allem eine Bewegung gegen die Modernisierung der Gesellschaft und ge-gen den politischen Liberalismus war. Der «Übergang vom re¬ligiösen Haß zur rassischen Ablehnung» war indessen nicht abrupt, die Traditionen des religiösen AntiJudaismus blieben wirkungsmächtig und verstärkten die neuen pseudo-rationalen Argumente des Rassenantisemitismus.
Zur Überzeugung, es gebe minderwertige und höherwertige Rassen, es existiere eine ethnische Hierarchie der Menschheit, gekrönt vom modernen germanischen Helden, gehörte die Vorstellung des Kampfes Minderwertiger gegen Höherwerti¬ge. Sozialdarwinismus wurde ein wichtiges Schlagwort im ausgehenden 19. Jahrhundert. Dahinter verbarg sich die Übertragung der von Charles Darwin beobachteten Entwick¬lungsgesetze des tierischen und pflanzlichen Lebens auf die menschliche Gesellschaft. Als gesellschaftliche Evolutions¬theorie beeinflusste der Sozialdarwinismus das Denken in Ka¬tegorien der Auslese und Anpassung und trassierte die Wege zur Gewissheit von der Überlegenheit der Herrenrasse.
(aus: Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus? München 2004, S. 83 ff.)

Arbeitsauftrag
3. Vergleichen Sie die „Judenfeindschaft“ (Antijudaismus) mit dem modernen Antisemitismus und stellen Sie die Merkmale des modernen Antisemitismus heraus. Ergebnisse Anti 3

Heinrich von Treitschke - Unsere Aussichten
Der vorliegende Text ist ein Ausschnitt aus dem Artikel „Unsere Aussichten“, den der Historiker und Publizist Heinrich von Treitschke, der zu den einflussreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit zählte, verfasst und am 15.November 1879 in den von ihm herausgegebenen „Preußischen Jahrbüchern“ veröffentlicht hat.

[…] (Schüler A)
Unterdessen arbeitet in den Tiefen unseres Volkslebens eine wunderbare, mächtige Erregung . Es ist als ob die Nation sich auf sich selbst besänne, unbarmherzig mit sich in`s Gericht ginge. […] Die wirthschaftliche Noth, die Erinnerung an so viele getäuschte Hoffnungen und an die Sünden der Gründerzeiten, der Anblick der zunehmenden Verwilderung der Massen […] und nicht zuletzt das Gedächtniß jener Gräueltaten vom Frühjahr 1878 - das Alles hat Tausende zum Nachdenken über den Werth unserer Humanität und Aufklärung gezwungen.
[…] es ist keine leere Redensart, wenn man heute von einer deutschen Judenfrage spricht.[…] Die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können. […]
wir wollen nicht, daß auf die Jahrtausende germanischer Gesittung ein Zeitalter deutschjüdischer Mischcultur folge. […]unbestreitbar hat das Semitenthum an dem Lug und Trug, an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Antheil, eine schwere Mitschuld an jenem schöden Materialismus unserer Tage, der jede Arbeit nur noch als Geschäft betrachtet und die alte gemüthliche Arbeitsfreudigkeit unseres Volkes zu ersticken droht; in tausend deutscher Dörfer sitzt der Jude, der seine Nachbarn wuchernd auskauft.
[…]es ist schon ein Gewinn, daß ein Uebel, das Jeder fühlte und Niemand berühren wollte, jetzt offen besprochen wird. Täuschen wir uns nicht: die Bewegung ist sehr tief und stark […].Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!

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(Schüler B)
[…]Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emancipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates und würden den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern. […]
Unsere Gesittung ist jung; uns fehlt noch in unserem ganzen Sein der nationale Stil, der instinctive Stolz, die durchgebildete Eigenart, darum waren wir so lange wehrlos gegen fremdes Wesen.
[…]so bleibt nur übrig; daß unsere jüdischen Mitbürger sich rückhaltlos entschließen Deutsche zu sein, wie es ihrer Viele zu ihrem und unserem Glück schon geworden sind. Die Aufgabe kann niemals ganz gelöst werden. Eine Kluft zwischen abendländischem und semitischem Wesen hat von jeher bestanden […];
[…] es wird immer Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen; […] Aber der Gegensatz läßt sich mildern, wenn die Juden, die so viel von Toleranz reden, wirklich tolerant werden und einige Pietät zeigen gegen den Glauben, die Sitten und Gefühle des deutschen Volkes, das alte Unbill längst gesühnt und ihnen die Rechte der Menschen und des Bürgers geschenkt hat. Daß diese Pietät einem Theile unseres kaufmännischen und literarischen Judenthums vollständig fehlt, das ist der letzte Grund der leidenschaftlichen Erbitterung von heute. […]
Gebe Gott, daß wir aus der Gährung und dem Unmuth dieser ruhelosen Jahre eine strengere Auffassung vom Staate und seinen Pflichten, ein gekräftigtes Nationalgefühl davontragen.
15. November 1879
Quelle: Heinrich von Treitschke: Unsere Aussichten (1879). In: Walter Boehlich (Hrsg.): Der Berliner Antisemitismusstreit. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1988, S. 7ff.

Arbeitsaufträge
- Erarbeiten Sie im Tandemverfahren die Textquelle, indem Schüler A den Arbeitsauftrag 1 und Schüler B den Arbeitsauftrag 2 bearbeitet.
- Schildern Sie anschließend Ihrem Partner Ihre Ergebnisse.
- Stellen Sie die Ergebnisse daraufhin in Stichpunkten präsentierfähig dar.

4. Benennen Sie anhand der Textquelle: „Heinrich von Treitschke – Unsere Aussichten“ in Stichpunkten die Gründe von Treitschkes für die neu entstandenen Antisemitenbewegungen. Ergebnisse Anti 4

5. Benennen Sie anhand der Textquelle: „Heinrich von Treitschke – Unsere Aussichten“ in Stichpunkten die Forderungen von Treitschkes zur „Lösung der Judenfrage“. Ergebnisse Anti 5

Der Historiker Theodor Mommsen (1817-1903) antwortet 1880 auf Treitschke:

Die gute Sitte und noch eine höhere Pflicht gebieten, die Besonderheiten der einzelnen Nationen und Stämme mit Maß und Schonung zu diskutieren. Je namhafter ein Schriftsteller ist, desto mehr ist er verpflichtet, in dieser Hinsicht diejenigen Schranken einzuhalten, welche der internationale und der nationale Friede erfordert. Eine Charakteristik der Engländer und Italiener von einem Deutschen, der Pommern und der Rheinländer von einem Schwaben ist ein gefährliches Unternehmen: Bei aller Wahrhaftigkeit und allem Wohlwollen hört der Besprochene doch von allem nur den Tadel. Das unvermeidliche und unvermeidlich ungerechte Generalisieren wirkt verstimmend und erbitternd, während es selbstverständlich eine Lächerlichkeit sein würde, von solchen Schilderungen eine Besserung der bezeichneten Schäden zu erwarten. Darin vor allem liegt das arge Unrecht und der unermessliche Schaden, den Herr v. Treitschke mit seinen Judenartikeln angerichtet hat. […] Gewiss waren sie sehr wohlgemeint; gewiss liegt in den einzelnen Klagen, die dort erhoben werden, vielfach Wahres zu Grunde; gewiss sind härtere Anklagen gegen die Juden tausendmal ungehört verhallt. Aber wenn die Empfindung der Verschiedenheit dieses Teils der deutschen Bürgerschaft von der großen Majorität bis dahin niedergehalten worden war durch das starke Pflichtgefühl des besseren Teils der Nation, […] so sah sich diese Empfindung nun durch Herrn v. Treitschke proklamiert als die „natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element“, als „der Ausbruch eines tiefen lang verhaltenen Zornes.“

Quelle: Der Berliner Antisemitismusstreit, hrsg. von Walter Boehlich, Frankfurt 1965, S. 220ff.

Arbeitsaufträge
6. Beurteilen Sie in einem kurzen Fließtext die Reaktion Mommsens auf v. Treitschkes Artikel! Ergebnisse Anti 6
7. Nehmen Sie bitte kritisch Stellung zur Haltung/Argumentation von v. Treitschke! Ordnen Sie v. Treitschkes Haltung in den Antijudaismus oder modernen Antisemitismus ein. Ergebnisse Anti 7

Additum

Erstellen Sie anhand Ihrer hinzugewonnenen Erkenntnisse eine kurze Präsentation/Fotocollage/Bildband (mit Erklärungen) zum Antisemitismus im Kaiserreich. Ergebnisse Anti a

Unterstützende Links
Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten http://www.buehler-hd.de/gnet/neuzeit/antisem/hd/doku.htm
Antisemitismus von 1871 - 1914 http://www.dhm.de/lemo/html/kaiserreich/antisemitismus/
Antisemitismus im Kaiserreich http://www.lsg.musin.de/geschichte/geschichte/Kaiser/antisemitismus_im_kaiserreich.htm

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